Wenn keiner mehr zuhört – warum das politische Lagerdenken gefährlich wird

Gastautor*in

9. September 2025


Emma Neu ist eine ehemalige Schülerin unserer Schule. Sie war auch lange Zeit Mitglied in der AG Erinnerungskultur.


  • Das Problem sind die linken Parteien. Die fangen an, andere auszugrenzen.
  • Ich würde eher die Wähler der rechten an den Pranger stellen.
  • Wenn man was verbieten sollte, dann die Linke!
  • Er kann nur nachplappern, wie ein blauer Papagei!
    Solche Kommentare findet man unter einem TikTok-Video der „Zeit“, in dem diskutiert wird, ob die AfD verboten werden sollte. Kein Einzelfall unter solchen politischen Beiträgen in den sozialen Medien. Gerade unter politischen Videos auf TikTok oder YouTube gibt es hitzige Debatten in den Kommentaren. Welche Partei ist die beste und welche sollte gleich verteufelt werden? Welche Parteien sollte man verbieten? Welche bringt das Beste für die Zukunft und welche grenzt Andersdenkende am meisten aus? Keine Spur von konstruktivem Dialog. Stattdessen Sturheit,
    Beleidigungen – politische Lagerbildung. „Hass und Häme“, „Spaltung“, „Die Gesellschaft driftet auseinander“ – solche Schlagzeilen liest man immer wieder, egal ob in Zeitschriften, Online-Beiträgen oder YouTube-Kommentaren.
    Insbesondere die Schere zwischen Rechts und Links scheint immer weiter auseinanderzuklappen und auch die Anhänger der jeweiligen Parteien zunehmend gegeneinander aufzustacheln.
    Auseinanderdriften – was bedeutet das eigentlich? Wichtig ist, dass es hier nicht um unterschiedliche Meinungen geht. Gerade in einer demokratischen Gesellschaft ist es vollkommen klar, dass sich die Meinungen zu polarisierenden Themen unterscheiden und diese auch offen nach außen getragen werden – sei es im persönlichen Gespräch oder öffentlich und anonym unter einem Video. Gerade dafür gibt es ja Kommentare auf Social Media – um seine Meinung anonym und öffentlich kundtun zu können. Auseinanderdriften meint hingegen die gegenseitige Ablehnung andersdenkender Gruppen. Man schottet sich ab und es bilden sich Fraktionen, deren Ansichten sich schleichend radikalisieren können. Politische Lager entstehen und Mitglieder der jeweils anderen Gruppe werden zum Feindbild stilisiert. Solch eine Polarisierung führt dazu, dass kaum noch ein sachlicher und respektvoller Dialog zwischen den Gruppen möglich ist. Extrempositionen gewinnen an Macht. Ständig hört man die gleichen Standpunkte. Man ist es gewöhnt, von Menschen umgeben zu sein, die die eigenen Ansichten vollkommen teilen, doch dadurch verlernt man auch, mit Andersdenkenden in den Dialog zu treten. Ein neutraler Austausch scheint schwierig, Kompromisse unmöglich. „Warum sollte ich mir überhaupt noch die Mühe machen, mit anderen zu diskutieren? Ich bleibe bei meiner Gruppe, da werde ich verstanden!“ Solche Gedanken resultieren aus der politischen Lagerbildung. Doch wie kann man dem entgegenwirken?
    Zuhören, sachlich diskutieren und andersdenkende Personen nicht sofort abwerten. Dabei geht es nicht darum, die politische Haltung einer anderen Person anzunehmen, sondern zu suggerieren, dass man bereit ist, sich mit der Person sachlich und respektvoll auszutauschen, ohne sie direkt im Vorhinein zu verurteilen. Nur wenn man anderen Personen eine solche Haltung entgegenbringt, kann man diese auch für die eigenen Argumente und Sorgen erwarten.

Archiv