Rassismus ist nicht nur Geschichte
Charlotte Kalmes

8. April 2026

Rassismus oder Rassenideologie ist ein Komplex von Praktiken, Einstellungen und Strukturen, durch den Menschen aufgrund äußerlicher Merkmale oder negativer Fremdzuschreibungen, die übertrieben, naturalisiert oder stereotypisiert werden, als „Rasse“, „Volk“ oder „Ethnie“ kategorisiert und systematisch ausgegrenzt werden. Rassismus funktioniert sowohl über individuelle Vorurteile als auch über institutionelle und strukturelle Mechanismen der Diskriminierung.“
Der Begriff wurde zu Beginn des 19. Jahrhunderts geprägt.

Vor meiner Recherche zum heutigen Beitrag anlässlich des Internationalen Tages gegen Rassismus (21.03.) habe ich noch nie etwas von dem Massaker von Sharpeville gehört.

Und das lässt mich beschämt zurück. 

Dieser dunkle Tag am 21.03.1960 veranlasste 6 Jahre später die Vereinten Nationen dazu, weltweit ein Zeichen gegen Rassismus setzen zu wollen.

1948–1994 herrschte in Südafrika das System der Apartheid – ein System staatlich verordneter Rassentrennung und Unterdrückung der schwarzen Südafrikaner:innen. Schwarze und weiße Menschen mussten getrennt leben, arbeiten, zur Schule gehen und hatten nicht die gleichen Rechte. Trotz ihrer Minderheit lag die Macht bei den weißen Südafrikaner:innen. Unter anderem gab es sogenannte „Passgesetze“, die Schwarze Menschen dazu zwangen, spezielle Ausweispapiere dauerhaft mit sich zu führen, was ihre Freiheit massiv beschränkte und zu rassistischen Kontrollen durch die weiße Elite missbraucht wurde. 

Am 21.03.1960 protestierten nach Aufruf des PAC mehrere tausend Schwarze Südafrikaner:innen in Sharpeville gegen diese Passgesetze, indem sie sich vor der Polizeistation sammelten – ohne Ausweispapiere – um eine Verhaftung zu provozieren und damit die Irrsinnigkeit und Ungerechtigkeit dieser Gesetze aufzuzeigen. Die Polizei jedoch eröffnete trotz der größtenteils friedlichen Proteste ohne ausreichende Warnung das Feuer mit Maschinengewehren auf die Menge. Offiziellen Berichten zufolge wurden 69 Menschen erschossen, über 180 verletzt; in einer Gruppe aus Männern, Frauen verschiedenen Alters und Kinder. Die meisten wurden durch Schüsse in den Rücken beim Versuch zu fliehen verletzt oder getötet.

Dieses Massaker erregte lokal und international so viel Aufsehen, dass es zum traurigen Wendepunkt im Kampf gegen die Apartheid wurde. Der Widerstand gegen das rassistische System erstarkte, da die Brutalität und Willkür durch die Gräueltat auf so schreckliche Weise sichtbar wurde.

Sechs Jahre später wurde dieser Tag zum Internationalen Tag gegen Rassismus, um der Opfer zu gedenken. Nicht nur der Opfer des brutalen Massakers, sondern all derer, die durch rassistische Systeme weltweit gelitten haben – und immer noch leiden.

Und alleine die Tatsache, dass ich selbst noch nichts von Sharpeville gehört habe, zeigt, dass wir alle wirklich noch viel zum Thema Rassismus zu lernen haben.

Ich bin ehrlich: Als weiße, privilegierte Cis-Frau bin ich nicht die beste Ansprechpartnerin zum Thema Rassismus. Ich weiß nicht, wie es ist, nur aufgrund meines Aussehens, meiner angeblichen oder tatsächlichen Herkunft wegen diskriminiert zu werden. Menschen im Bus, auf der Straße, auf der Arbeit lassen mich nicht mit ihren Blicken den Gedanken spüren: „Du gehörst nicht hier her. Geh hin, wo du herkommst“, auch wenn das für die meisten Betroffenen in Deutschland vielleicht Wuppertal wäre oder Mannheim oder Berlin oder oder oder. 

Ich muss mir an die eigene Nase fassen, dass ich mich nicht so sehr mit Rassismus beschäftige, wie ich eigentlich sollte. 

In meiner ersten Vorlesung an der Uni kam ich mit meiner Sitznachbarin ins Gespräch. Da die wenigsten Studierenden tatsächlich aus dem Saarland kommen, sondern die Plätze über ein Verfahren zugeteilt werden, wollte ich wissen, aus welchem Bundesland sie kommt. „Wo kommst du denn her?“, fragte ich sie ganz fröhlich und unbedarft. Sie antwortete: „Aus Syrien.“ Da blieb mir erst mal der Mund offenstehen. Da habe ich in dem Moment genau diese absolut dämliche und – um ehrlich zu sein – rassistische Frage gestellt. Es ist nämlich genau diese supernervige „Woher kommst du wirklich?“- Frage. Die Frage, die impliziert: „Du kommst ja nicht von hier. Du gehörst nicht zu uns.“ Und ich habe mich direkt vor mir selbst geschämt. Und meine Frage schnell korrigiert und meine Kommilitonin hat laut gelacht. Mir ist ein kleiner Stein vom Herzen gefallen, aber ein unangenehmer Nachgeschmack blieb.

Und ich habe darüber länger nachdenken müssen. War ich rassistisch in diesem Moment? 

Vor allem war es erstmal eine Misskommunikation. Aber sich selbst und sein eigenes Bild zu hinterfragen, gerade weil ich nicht von Rassismus betroffen bin, ist in dem Moment wahrscheinlich genau das Richtige.

Gerne wird mir mal entgegengeschleudert: „Aber was ist mit Rassismus gegen Weiße?!“

Um sachlich zu bleiben, eine kleine Einordnung:

Benachteiligung oder Diskriminierung weißer Menschen aufgrund von Herkunft, Sprache, sozialem Status o. Ä. existiert und ist immer falsch. Jedoch bezeichnet Rassismus die Vorurteile und Benachteiligung, die mit gesellschaftlicher Macht und historischen Strukturen zusammenhängen. In Europa bzw. der westlichen Welt betrifft das vor allem Schwarze Menschen und People of Color.

„Rassismus gegen Weiße“ gibt es also nicht.

Selbst wenn man selbst von irgendeiner Form der Diskriminierung betroffen ist, sei es in meinem Fall z.B. Misogynie oder Ableismus, übernimmt man oft gesellschaftliche Muster.

Wenn man nicht betroffen ist, übernimmt man sie erst recht unbemerkt. Und deshalb ist es meiner Meinung nach unsere Pflicht, uns mit Rassismus zu beschäftigen. Sei es geschichtlich, wie zum Beispiel das Massaker von Sharpeville, sei es soziokulturell, wie zum Beispiel kulturelle Aneignung wie das Tragen von Braids, Cornrows und Dreadlocks als nicht-Schwarze Person. Nicht auf alle Fragen gibt es eindeutige Antworten. Und selbst wenn, dann kann ich sie nicht geben, denn ich bin nicht betroffen. 

Bildet euch über die Geschichte, über die Kultur, über die Erfahrungen Schwarzer Mitmenschen im Alltag. Sprecht offen über Begrifflichkeiten, wenn ihr unsicher seid. Vermeidet, über Menschen statt mit ihren Perspektiven nachzudenken. 

Antirassistisch sein heißt nicht, „fertig“ und „perfekt“ und „politisch 100 % korrekt“ zu sein. Es heißt, bereit zu sein, die eigenen Selbstverständlichkeiten zu überprüfen. Seine eigenen blinden Flecken zu suchen, gerade weil man nicht betroffen ist. 

Der internationale Tag gegen Rassismus erinnert nicht nur an vergangenes, sondern auch an gegenwärtiges Unrecht, und wir sollten uns alle aufgerufen fühlen, durch Haltung, Sprache und Hinsehen gemeinsam ein Stück weiter von diesem Unrecht wegzurücken.


Cover-Foto: Priscilla Du Preez, Unsplash

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