Dieser Beitrag wurde von Mehdy Chabakji verfasst. Mehdy ist Schüler der Klasse 12 am GSG.
Selbst heute, mit wachsendem Fortschritt in der Medizin, höherer Lebenserwartung und wirtschaftlichem Wachstum, gibt es immer noch eine enorme Kindersterblichkeit. Die UN schätzt, dass von 1950 bis 2024 etwa 990 Millionen Kinder unter 5 Jahren starben. Während die jährlichen Todeszahlen mit fortschreitender Unterstützung in den vergangenen 75 Jahren drastisch gesunken sind, sterben immer noch etwa 5 Millionen Kinder unter 5 Jahren jedes Jahr, 13 500 jeden Tag, während wir bequem vor uns hin konsumieren. Auf Kosten aller anderen.
Die allergrößte Mehrheit durch Malaria und andere Krankheiten, Dehydration, Hunger und fehlenden Zugang zu medizinischer Versorgung oder einer Kombination aus mehreren dieser Umstände. Andere sterben durch Krieg und Völkermorde. Der allergrößten Mehrheit hätte also sehr einfach vorgebeugt werden können. 5 Millionen Kinder, die jedes Jahr umsonst sterben. Eine Milliarde Kinder, die 75 Jahre grundlos starben. Wie lassen sich diese Zahlen in Bedeutung bringen?
Nehmen wir die Schweigeminute: Würde man um jedes dieser 5 Millionen Kinder pro Jahr eine Minute schweigen, müsste man dies für jedes vergangene Jahr 9,5 Jahre machen. Würden wir von heute an für jedes der unnötig verstorbenen Kinder der letzten 75 Jahre eine Minute schweigen, dann wäre es 1900 Jahre still, also bis ins Jahr 3926. Wenn diese Sterblichkeit gleichbleibend weiterginge, würden in dieser Trauerzeit weitere fast 20 Milliarden Kinder umsonst sterben.
Warum trauern wir also keine Sekunde? Wieso trauerte man um die Opfer des 11. Septembers, aber nicht um die, laut Schätzungen der Costs-of-War-Studie der Brown University, eine Million Opfer im darauffolgenden War on Terror, in dem die USA den Anschlag als Rechtfertigung nutzten, bis heute das gesamte westasiatische und nordafrikanische Gebiet zu destabilisieren und für Öl und Geld auszubeuten?
Und wieso lernen die wenigsten davon?
Wieso wissen die wenigsten von den brutal abscheulichen physischen und sexuellen Foltermethoden, mit denen amerikanische Soldat*innen Insassen des Abu-Ghraib-Gefängnisses terrorisierten? Während sie angeblich besagten Terror bekämpften? Wieso hört man nur selten von Guantánamo Bay und den Black Sites der CIA, in denen systematisch und geheim sowie offen Menschen gefoltert werden, von Bagram in Afghanistan, wo Zivilist*innen durch Folter und stumpfe Gewalt ums Leben kamen?
Wieso lassen wir das zu?
Dass in Bangladesch 3 Millionen Menschen im Völkermord starben und fast eine halbe Million bengalische Frauen und Mädchen systematisch vergewaltigt wurden, in Armenien 1,5 Millionen christliche Menschen getötet wurden und in Ruanda eine Million Mitglieder der ethnischen Gruppe der Tutsi ermordet wurden?
Und wieso wird sowas nicht unterrichtet?
Wieso lernen wir nicht, dass der Grund für die schwierige Lage in Kuba das ewige US-Handelsembargo ist und nicht das wirtschaftliche System? Dass Israel keine Demokratie im „Nahen Osten“ ist. Und dass „Naher Osten” ein eurozentrischer Kolonialbegriff ist? Dass in Kongo, Myanmar, Sudan und Palästina heute Millionen Menschen vertrieben, ausgehungert,
bombardiert und vergewaltigt werden? Dass Kinder und Zivilist*innen unnötig sterben?
Und wieso erfahren Menschen all dies und zeigen, dass es sie nicht stört? Wieso stört es sie nicht, dass Lernen für Frauen in Afghanistan de facto illegal ist? Dass weltweit Faschist*innen an die Macht kommen? Wieso haben so viele Menschen kein Mitleid für all dies? Wieso bleibt ganz Deutschland kurz stehen, wenn ein Buckelwal strandet und stirbt, während im
Sekundentakt Kinderherzen stehen bleiben? Wobei in der Zwischenzeit, in der „Hope““” auf der Sandbank lag, Tausende andere Wale an Überfischung und Walfang zugrunde gingen.
Ist Leben weniger wert, nur weil es weiter entfernt endet?
Ist der Tod eines anderen gerechtfertigt, wenn er unser Leben scheinbar qualitativ aufwertet?
Wieso leben laut WHO 2,5 Milliarden Menschen mit Übergewicht, während laut FAO-SOFI-Report fast 2,4 Milliarden Menschen in ständiger Ernährungsunsicherheit leben müssen?
Wieso trauern wir um die Benzinpreise, die durch den Krieg in der Straße von Hormuz steigen, während die Menschen dort täglich um ihre Liebsten trauern, während die Todeszahlen steigen und die USA und Israel weiterhin angreifen? Und wieso kann dies durch unsere Waffen, unsere Steuern und unsere Ausbeutung passieren, ohne dass viele davon gestört sind?
Weil es für uns unsichtbar ist. Weil ein gestrandeter Wal in Deutschland uns wichtiger erscheint als 5 Millionen sterbende Kinder weltweit. Weil sich Medien mehr nach Umsatz richten als nach Wahrheit und Relevanz.
Weil Staaten wie China, Russland, die USA und Israel seit ihrer modernen Existenz das Völkerrecht fast so oft verletzen wie die Zivilist*innen in ihren Wegen und diese Verbrechen auf uns nun selbstverständlich wirken.
Weil es bequem ist, sterbende Menschen zu ignorieren, wenn sie dafür sterben, dass wir bequem leben, machen sich das neue iPhone und die Markenklamotten ja schließlich nicht von selbst, und faire Arbeitsbedingungen sowie ein menschenwürdiges Gehalt wären für Großkonzerne und Monopolstaaten zu teuer. Man will schließlich den größten Teil des Geldes behalten, welches man uns Konsument*innen zehnfach abknöpft, nachdem man ihnen eintrichtert, sie hätten den Kauf dieser Güter unbedingt nötig.
Das Mitleid für die Opfer beschränkt sich oft auf ein „Och, wie schlimm”. Viel häufiger werden Tatsachen
jedoch einfach geleugnet. Und oft wird nicht einmal darüber gesprochen, was passiert. Wegen uns passiert. Weil wir davon profitieren und weil wir alle Mitschuld tragen.
Wir.
Wir Konsumierenden. Wir Mitglieder der westlichen Gesellschaft. Wir Verfechtenden und/oder Profitierenden des Status quo. Wir Deutschen. Wir Europäer*innen. Wir sind Teile des Systems.
Wir, du und ich. Wir, die als Teil des Problems in diesem Text angesprochen werden.
Nun tragen wir direkt nicht die Gesamtschuld. Probleme entstehen über Jahrzehnte und Jahrhunderte, haben hunderte Ursachen und können auch lokal bedingt sein. Für die Verbrechen unserer Vorfahr*innen können wir direkt nichts.
Fakt ist jedoch, dass wir durch vorhandene Krisen fortlaufend profitieren und sie indirekt wie direkt, bewusst wie unbewusst weiter befeuern, indem wir sie finanzieren, verteidigen und auf staatlicher Ebene strategisch ausnutzen. Dann entsteht die Mitschuld.
Indem wir, als solche mit den entsprechenden Möglichkeiten, etwas gegen diese Probleme zu bewirken, dies nicht tun, erklären wir uns durch unser Nichthandeln schuldig, selbst wenn wir dies nicht wollen oder akzeptieren. Wir sind alle viel zu desensibilisiert gegenüber Leid. Deshalb braucht es Klartext und brutale Ehrlichkeit, um in uns einen Geisteswandel zu bewirken: Die reichsten 1 % besitzen mehr als das, was die restlichen 99 % bitter nötig haben. Der Großteil der Macht liegt in so wenigen Händen, dass diese an einer abgezählt werden können.
Entscheiden wir wirklich mit, oder doch nur, wer für uns entscheidet?
Einige Staaten investieren abermilliarden in Propaganda für Krieg, Kapitalismus und Nationalismus, nur um finanzielle Hegemonie und Macht sicherzustellen. Ein einziger Mann beschließt, dass eine ganze Generation nun bereit sein müsse, für ein Land zu sterben, nur weil wir in ihm leben. In Deutschland ist die Lebensrealität eines/einer Milliardärs/Milliardärin nicht zu vergleichen mit der einer/ eines Bettlers/Bettlerin. Genauso ist unsere Lebensrealität mit der mehrheitlichen der Welt unvergleichlich.
Wir sind Teil der globalen „1 %”, besitzen ein Monopol auf Geld, Macht und Ressourcen. Wir profitieren
davon, dass andere leiden. Wir kaufen uns ein neues Handy, während ein Kind 14 Stunden am Tag in einer Kobaltmine bis zum
Erschöpfungstod arbeitet, um genug Geld zu haben, um genau diesen herauszuzögern.
Arbeiten wir mehr? Arbeiten die Milliardär*innen mehr? Haben sie es deshalb mehr verdient, gut zu leben? Haben wir es deshalb verdient zu leben, andere aber nicht? Nein. Es gibt auf diesem Planeten keinen milliardenschweren Menschen, der so hart arbeitet, dass seine Knochen splittern, der so lange in der Mine sitzt, bis die Lunge zustaubt, keinen, der sich alles selbst erarbeitet hat, ohne dass er andere Menschen ausgebeutet hat, die für ihn arbeiteten. Wirklich arbeiten seine Untergeordneten und Unteruntergeordneten. Wirklich arbeitet nicht Elon Musk, sondern die hunderttausend Halbversklavten, die Erze für seine Teslas
abbauen müssen.
Und es wurde in diesem Land keiner geboren, der nicht von solcher Ausbeutung profitiert, nicht auf Kosten
anderer geboren wird, lebt und stirbt. Wir verdienen Geld, indem wir andere Menschen bis in den Tod ausbeuten, zahlen dies an einen Staat, der unsere Interessen nicht vertritt, nur damit er dieses Geld in Waffen steckt, die genau diese Menschen noch töten, bevor unsere Wirtschafts- und Konsuminteressen es können.
Wir alle haben also etwas Blut an den Händen. Das Blut einer Milliarde toter Kinder. Zum Teil Opfer unserer Gier. Zum Teil Opfer des Kapitalismus, von dem wir profitieren. Und nicht einmal Respekt bringen wir auf für die Menschen, die wir umbringen. Nicht einmal Zeit nehmen wir uns für Menschen, denen wir das Leben nehmen.
Und selbst wenn: Werden eine Milliarde Menschen auferstehen, wenn wir 1900 Jahre um sie trauern? Leidet irgendjemand weniger, wenn wir privat so tun, als würden wir mitleiden? Während wir Kleidung tragen, die von Menschen genäht wurde, die sich selbst keine leisten können?
Auch nein.
Opfer kann man nicht wiederbeleben. Man kann sie jedoch vermeiden. Ein Nichthandeln in dieser Lage ist aktiver Mord, den wir alle begangen haben, begehen und weiterhin begehen werden, wenn wir nicht aktiv werden. Dies bleibt jedoch ein leerer Aufruf, wenn aus ihm nichts folgt.
Wir sollten uns nicht nur fragen, wieso Menschen leiden, sondern etwas gegen ihr Leiden tun. Uns nicht nur fragen, wieso wir so unaufgeklärt sind, sondern aufklären. Nicht 100€ an eine Spendenaktion überweisen, sondern Solidarität zeigen, den Menschen, die wir verstummen ließen, eine Stimme geben. Und unsere Stimme niemandem geben, der, wenn es um solche Themen geht, gegen die Werte verstößt, die uns allen ein Leben und vor allem ein solches Leben wie dieses ermöglichten.
Aktiv und aktivistisch, sozial, solidarisch, bewusst und besserungsorientiert gilt es zu handeln, sei es durch Aufklärung, Demonstration oder direkte Hilfestellung.
Ist diese Haltung eine extreme? Oder ist es vielmehr jene Haltung, die den milliardenfachen Tod totschweigt, die extrem ist? Jene, die Verbrechen gegen die Menschlichkeit als menschlich sieht? Jene, die sich mit Brot und Zirkus zufriedengeben, während die Darsteller in diesem Zirkus selbst kein Brot haben?
Sind diese Thesen zu anklagend, oder ist die Realität eine solche, dass deren Akteure anzuschuldigen sind? Sind diese Themen unansprechbar, weil sie unangenehm sind, unangenehm, weil sie uns mitverantwortlich zeigen?
Es wird Zeit, die Abwehrhaltung abzulegen, auch wenn wir aktiv kritisiert und beschuldigt werden. Es wird Zeit, Menschenleben zu verschonen, anstatt davon gekränkt zu werden, daran erinnert zu werden, dass wir kollektiv sowie individuell Mitschuld tragen.
So anschuldigend es auch klingt: Sei kein/e Mörder*in und steh auf. Sei nicht kindisch und bleib sitzen, nur weil du kritisiert wirst. Unterstütze das Ausnutzen dieser unschuldigen Opfer nicht weiterhin und unterstütze auch nicht das System, welches diese fordert.
