36 Jahre Deutsche Einheit – Was ist eigentlich zusammengewachsen?
Emma Pankonin

3. Oktober 2026

36 Jahre. Am 3. Oktober 1990 wurde Deutschland wiedervereinigt. Eine Grenze verschwand, zwei Staaten wurden wieder zu einem. Wenn ich heute darüber nachdenke, fühlt sich das zunächst ziemlich weit weg an. Für meine Generation ist die DDR Geschichte. Wir haben sie nicht erlebt. Wir kennen sie aus dem Unterricht, aus Dokumentationen und aus den Erzählungen unserer Großeltern.

Meine Großeltern haben in der DDR gelebt. Wenn mein Opa davon erzählt, dann eher schlecht. Und ich finde das wichtig. Denn die DDR war keine romantische Gegenwelt zum heutigen Deutschland. Sie war eine Diktatur, in der politische Freiheiten eingeschränkt waren und Menschen nicht frei über ihr Leben und ihre politische Beteiligung entscheiden konnten.

Trotzdem glaube ich, dass man aus dieser Erkenntnis nicht den Schluss ziehen sollte, dass damit automatisch alles, was nach 1990 kam, gerecht gewesen sein muss.

Die Wiedervereinigung brachte Freiheit und demokratische Rechte. Gleichzeitig begann ein wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Umbruch, der für viele Menschen enorm war. Betriebe wurden geschlossen oder privatisiert, Arbeitsplätze verschwanden und ganze Lebensentwürfe veränderten sich.

Aber gerade wenn wir darüber sprechen, sollten wir nicht in die Falle geraten, daraus eine einfache Geschichte zu machen:

Hier die schlechte DDR, dort der erfolgreiche Kapitalismus.

Denn auch der Kapitalismus ist kein neutrales System, das einfach Wohlstand produziert und damit seine eigene Berechtigung beweist. Natürlich hat er in Deutschland einen hohen materiellen Lebensstandard ermöglicht. Aber die entscheidende Frage ist für mich: Für wen? Und auf wessen Kosten?

Vermögen verteilt sich nicht automatisch gerecht. Es wird vererbt, durch Eigentum vermehrt und über Generationen weitergegeben. Das DIW hat beispielsweise auf Grundlage von SOEP-Daten (sozio-ökonomische Daten) deutliche Unterschiede beim Nettovermögen zwischen Ost und West festgestellt. Das Nettovermögen eines westdeutschen Erwachsenen ist im Schnitt mit gut 120.000 € mehr als doppelt so hoch wie in Ostdeutschland mit 55.000 €. Der Unterschied hängt zwar auch mit dem Alter zusammen, bei Jüngeren ist die Kluft nämlich gar nicht mehr so groß, dennoch besteht dieser wirtschaftliche Unterschied zwischen Ost- und Westdeutschland trotz der Wiedervereinigung vor 36 Jahren immer noch.

Und diese Frage endet nicht an der deutschen Grenze.

Wenn wir in Deutschland unseren hohen Lebensstandard betrachten, dürfen wir nicht so tun, als sei er ausschließlich das Ergebnis unserer eigenen Leistung. Die Geschichte des europäischen Wohlstands ist mit Kolonialismus verbunden. Kolonialmächte haben über Jahrhunderte Ressourcen, Arbeitskraft und Märkte anderer Gesellschaften für ihre eigenen Interessen genutzt. Viele der daraus entstandenen wirtschaftlichen Machtverhältnisse wirken bis heute nach.

Auch die heutige Weltwirtschaft ist nicht gleichberechtigt. Rohstoffe werden häufig dort gewonnen, wo die Menschen, die dort leben, deutlich weniger von der späteren Wertschöpfung profitieren. Produkte werden in globalen Lieferketten hergestellt, während die höchsten Gewinne an anderer Stelle entstehen.

Unser Wohlstand kann nicht unabhängig vom Rest der Welt betrachtet werden.

Und genau deshalb stört mich auch die Vorstellung, ein wirtschaftliches System müsse nur daran gemessen werden, ob es für die wohlhabendsten Länder funktioniert.

Wenn ein System in einem Teil der Welt großen Wohlstand ermöglicht, während andere Menschen weiterhin in Armut leben und die ökologischen und sozialen Kosten dieses Wohlstands tragen, kann ich das nicht einfach als uneingeschränkten Erfolg bezeichnen.

Das bedeutet für mich auch nicht, dass die DDR deshalb ein gelungenes Gegenmodell gewesen wäre. Sozialismus ist nicht gleich DDR. Die DDR war eine konkrete historische Umsetzung eines sozialistischen Systems unter bestimmten politischen und wirtschaftlichen Bedingungen. Wenn diese konkrete Umsetzung gescheitert ist, folgt daraus nicht automatisch, dass jede sozialistische Idee oder jede Kritik am Kapitalismus falsch ist. Genauso wenig folgt aus den wirtschaftlichen Erfolgen kapitalistischer Staaten, dass Kapitalismus die einzig mögliche oder gerechte Wirtschaftsordnung sein muss.

Vielleicht ist das eine der schwierigsten Fragen überhaupt: Wie könnte ein System aussehen, das Wohlstand ermöglicht, ohne darauf angewiesen zu sein, dass andere Menschen oder andere Regionen den Preis dafür zahlen?

Ich habe darauf keine fertige Antwort.

Aber ich finde, dass man diese Frage überhaupt stellen muss.

Und genau hier komme ich wieder zur deutschen Einheit. Denn auch die Wiedervereinigung war nicht einfach nur ein Wechsel von einem System in ein anderes. Für viele Menschen bedeutete sie einen tiefen Umbruch. Das westdeutsche Wirtschafts- und Gesellschaftssystem wurde auf Ostdeutschland übertragen. Dadurch entstanden neue Möglichkeiten, gleichzeitig verloren viele Menschen ihre bisherigen Arbeitsplätze und wirtschaftlichen Sicherheiten.

Man kann deshalb gleichzeitig sagen:

Die Wiedervereinigung war ein Gewinn an Freiheit. Und sie war für viele Menschen eine sehr schwierige wirtschaftliche Erfahrung. Das eine widerspricht dem anderen nicht.

Vielleicht ist es gerade diese Widersprüchlichkeit, die man 36 Jahre später stärker aushalten muss. Denn wenn wir heute über Ostdeutschland sprechen, geht es längst nicht nur um die DDR-Vergangenheit.

Das zeigt sich besonders deutlich bei der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt im September 2026. Die AfD erhielt dort 43,8 Prozent der Zweitstimmen und wurde mit Abstand stärkste Partei. Sie erhielt 39 der 83 Sitze im Landtag.

Ich finde dieses Ergebnis erschreckend. Und ich möchte dabei betonen: Ich halte es für falsch, aus einem solchen Wahlergebnis eine Legitimation für die Positionen der AfD abzuleiten, so wie es heutzutage oft getan wird. Dass eine Partei viele Stimmen erhält, bedeutet nicht automatisch, dass ihre politischen Forderungen richtig, demokratisch oder mit den Grundrechten vereinbar sind.

Gleichzeitig finde ich es wichtig, verstehen zu wollen, warum Menschen diese Partei wählen. Nicht, um ihre Entscheidung zu rechtfertigen, sondern weil eine Demokratie ihre politischen Konflikte verstehen muss, wenn sie ihnen etwas entgegensetzen will.

Dabei würde ich mich aber gegen eine andere Vereinfachung wehren: Menschen, die AfD wählen, einfach als „dumm“ oder „ungebildet“ abzustempeln. Das bringt niemanden weiter.

Wenn jemand eine politische Position vertritt, die ich für falsch halte, möchte ich wissen, warum er sie vertritt.

Beruht sie auf überprüfbaren Fakten? Auf persönlichen Erfahrungen? Auf Angst? Auf einer bestimmten Vorstellung von Gerechtigkeit? Oder auf Behauptungen, die sich bei genauerem Hinsehen gar nicht halten lassen?

Gerade letzteres halte ich für ein ernstes Problem politischer Kommunikation. Ich empfinde Teile der Kommunikation der AfD als propagandistisch, insbesondere dort, wo komplexe gesellschaftliche Probleme auf einfache Feindbilder reduziert oder Informationen selektiv dargestellt werden.

Für mich ist das etwas anderes, als einfach politisch rechts zu sein. Rechts zu stehen, ist zunächst eine politische Position. Ich muss diese Position nicht teilen, aber eine Demokratie muss unterschiedliche politische Auffassungen aushalten.

Extremismus, rassistische oder menschenfeindliche Ideologien und die bewusste Verbreitung falscher Informationen sind dagegen etwas anderes.

Deshalb halte ich es auch für wichtig, die AfD nicht einfach mit „rechts“ gleichzusetzen. Der Begriff beschreibt zu wenig. Entscheidend ist, welche konkreten politischen Positionen vertreten werden und ob sie mit den Grundprinzipien der freiheitlichen demokratischen Grundordnung vereinbar sind.

Und gerade weil ich die AfD für eine Gefahr für die Demokratie halte, möchte ich nicht einfach nur über ihre Wählerinnen und Wähler reden. Ich möchte darüber reden, was wir tun können.

Denn Demokratie bedeutet nicht nur, alle paar Jahre ein Kreuz zu setzen. Demokratie bedeutet, sich einzumischen. Zu widersprechen. Sich zu informieren. Nicht jede Behauptung zu glauben, nur weil sie in einem kurzen Video überzeugend klingt. Nicht nur eine einzige Quelle zu konsumieren, sondern unterschiedliche Perspektiven zu prüfen. Eigene politische Urteile zu entwickeln, anstatt die Meinung des Algorithmus zu übernehmen. Zu diskutieren. Zu demonstrieren. Sich zu organisieren. Und manchmal auch zu versuchen, jemanden von der eigenen Position zu überzeugen.

Dabei glaube ich nicht, dass man Menschen dadurch erreicht, dass man sie beleidigt. Wenn ich möchte, dass jemand seine Meinung überdenkt, hilft es wahrscheinlich wenig, ihm zunächst zu erklären, wie dumm er sei.

Man kann eine politische Position entschieden ablehnen und trotzdem den Menschen dahinter ernst nehmen. Das ist für mich ein wichtiger Unterschied.

Auch beim Thema Migration. Ich halte es für problematisch, Migration grundsätzlich als Bedrohung darzustellen. Diese wird von der AfD als Sündenbock für so ziemlich jedes Problem unseres Landes hingestellt. Das erinnert mich persönlich stark an die NSDAP und unsere Geschichte.

Deutschland altert. Die Zahl der Menschen im Erwerbsalter wird in den kommenden Jahren deutlich zurückgehen; selbst bei hoher Nettozuwanderung rechnet Destatis (statistisches Bundesamt) mit einem Rückgang. Gleichzeitig ist Deutschland auf Zuwanderung von Fachkräften angewiesen.

Migration ist deshalb nicht irgendeine nebensächliche Erscheinung, die sich Deutschland gelegentlich leisten kann. Sie ist längst Teil unserer Gesellschaft. 2025 hatten 21,8 Millionen Menschen in Deutschland eine Einwanderungsgeschichte, 26,3 Prozent der Bevölkerung.

Wenn wir in einem reichen Land leben, das selbst historisch und bis heute von globalen wirtschaftlichen Machtverhältnissen profitiert, finde ich es widersprüchlich, Menschen aus ärmeren Ländern grundsätzlich als Problem zu betrachten.

Natürlich braucht ein Staat Regeln für Migration. Natürlich müssen politische Fragen wie Integration, Wohnraum, Bildung und Infrastruktur diskutiert werden.

Aber zwischen einer sachlichen Diskussion darüber und der Vorstellung, man müsse Menschen grundsätzlich draußen halten, weil sie angeblich nicht zu uns gehören, liegt ein großer Unterschied. Gerade wenn man die Geschichte von Kolonialismus und globaler Ungleichheit ernst nimmt, sollte man sich fragen, wie gerecht die Trennung zwischen „wir“ und „die anderen“ eigentlich ist.

Was unterscheidet uns denn von Migranten überhaupt? Der Fakt, dass wir in der Geburtslotterie gewonnen haben und in einem Erstweltstaat geboren wurden?

Die deutsche Einheit. Der Kapitalismus. Die globale Ungleichheit. Migration. Die AfD. Die Demokratie.

Bei allen geht es letztlich um dieselbe Frage: Wie wollen wir miteinander leben und wer darf darüber entscheiden?

36 Jahre nach der Wiedervereinigung ist Deutschland politisch ein Land. Aber eine Gesellschaft ist nie einfach fertig. Wir haben weiterhin wirtschaftliche Unterschiede zwischen Regionen. Wir leben in einer Welt, in der Wohlstand sehr ungleich verteilt ist. Wir stehen vor dem demografischen Wandel. Wir erleben politische Radikalisierung und eine immer stärkere Verbreitung politischer Inhalte über soziale Medien.

Und genau deshalb finde ich den 3. Oktober heute vielleicht sogar wichtiger als früher.

Denn die deutsche Einheit ist nicht einfach passiert. Menschen haben dafür demonstriert. Sie haben protestiert. Sie haben sich gegen eine politische Ordnung gestellt, die ihnen ihre Freiheit nahm.

Die Wiedervereinigung erinnert uns deshalb nicht nur daran, was 1990 erreicht wurde. Sie erinnert uns auch daran, dass gesellschaftlicher Wandel möglich ist, wenn Menschen sich einmischen.

Demokratie bedeutet deshalb nicht, dass wir uns darauf verlassen können, dass sie schon irgendwie bestehen bleibt. Demokratie bedeutet, dass wir selbst Verantwortung dafür übernehmen. Dass wir uns informieren. Dass wir widersprechen, wenn Menschenrechte angegriffen werden. Dass wir protestieren, wenn wir etwas für falsch halten. Dass wir mit anderen diskutieren, auch wenn es anstrengend ist. Und dass wir nicht aufhören, nach einem gerechteren System zu suchen, nur weil die bisherigen Systeme uns als alternativlos präsentiert werden.

Ich weiß nicht, wie ein vollkommen gerechtes Wirtschafts- und Gesellschaftssystem aussehen würde. Aber ich weiß, dass ich weder die DDR romantisieren noch den Kapitalismus als alternativlos oder automatisch gerecht betrachten möchte.

Das ist auch ein Teil dessen, was eine lebendige Demokratie ausmacht: Nicht einfach zu akzeptieren, dass die Welt so bleiben muss, wie sie ist. 36 Jahre nach der deutschen Einheit ist deshalb für mich nicht die wichtigste Frage, ob Ost und West inzwischen vollständig zusammengewachsen sind.

Die wichtigere Frage ist: Was machen wir mit dem gemeinsamen Land, das daraus entstanden ist?

Und die Antwort darauf lautet definitiv nicht, dass wir endlich fertig sind, uns entspannen können und einfach darauf verlassen können, dass unsere Demokratie ohne unser Handeln bestehen bleibt. Sondern: Wir müssen gerade wieder anfangen, uns einzumischen.

Für diesen Beitrag habe ich nicht nur meine eigenen Gedanken und Erfahrungen einfließen lassen, sondern auch einige Statistiken, Studien und Artikel gelesen, die mir geholfen haben, meine Gedanken besser einzuordnen und manche Aussagen zu überprüfen. Hier findet ihr die Quellen, die ich für den Beitrag genutzt habe, falls ihr einzelne Zahlen oder Themen genauer nachlesen möchtet. 🙂

Quelle Titelbild: Bundesarchiv, Bild 183-1990-1003-400 / Grimm, Peer

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