„Ich versuche es damit zu entschuldigen, dass man sich nicht in die Lage der Menschen in der damaligen Zeit so richtig versetzen kann“, so äußert sich Walter Frankenstein – ein Überlebender des Holocaust – zu den neuerlichen Geschichtsvergleichen so genannter „Querdenker“ auf Demos gegen die Corona-Politik der Bundesregierung.

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Auf Demos der Querdenker-Bewegung kam es dazu, dass sich Demonstranten immer wieder mit Überlebenden des Holocaust verglichen haben und Parallelen zwischen ihrer Situation und der der verfolgten jüdischen Gruppe herzustellen versuchten. Dieses Vorgehen bezeichnet Frankenstein als „heller Wahnsinn“, er begründet sein Empören mit dem Argument, dass „ja heute kein Mensch aus der Gesellschaft ausgrenzt werde mit irgendeiner Markte.“ Hier sei daran erinnert, dass die jüdische Bevölkerung im Nazi-Deutschland ab dem Jahr 1941 als Zeichen der Stigmatisierung den so genannten Judenstern tragen musste. Frankenstein selbst musste im Jahr 1943 mit seiner Fraue Leonie und seinen beiden Kindern untertauchen, um das Leben seiner Familie zu schützen.

Anne Frank, ein junges Mädchen verließ ähnlich wie Walter Frankenstein gemeinsam mit ihren Eltern und ihrer Schwester Margot bereits zu Beginn der NS-Dikatur, im Jahr 1934, Deutschland und wanderte in die Niederlande aus, um der Verfolgung durch die Nationalsozialisten zu entgehen. Ab dem Jahr 1942, als der NS-Terror auch in den Niederlanden massiv zunahm, versteckte sich Anne Frank gemeinsam mit ihrer Familie in einem Hinterhaus und lebte dort knapp drei Jahre lang, bis die Familie verraten wurde und Anne Frank selbst kurz vor dem Ende des Krieges dem nationalsozialitischen Holocaust zum Opfer fiel. Aktuell berufen sich manche Gegener der Corona-Maßnahmen auf Anne Frank, sie scheuen sich auch nicht davor, ihre Kinder vorzuschicken, die das Nichtfeiern ihres Geburstages mit der Situation eines Mädchen vergleichen, das über Jahre im Hinterhaus gelebt hat, sich verstecken musste und täglich Angst ums Überleben hatte. „Dieses Mädchen hat überhaupt keine Ahnung, wie das Leben von Anne Frank verlief“, so Walter Frankenstein zu den neuerlichen Geschichtsvergleichen. Dass ein Kind, das temporär auf das Feiern seines 11.Geburtstages verzichten muss, seine eigene Situation mit der von Anne Frank vergleicht, ist ungeheuerlich und eigentlich nur traurig. Besonders fragwürdig ist daran, dass man ein kleines Mädchen vorschickt, das mit der geschichtlichen Vergangenheit überhaupt nicht vertraut ist.

Einen solchen Vergleich herzustellen, bedeutet allen Holocaust-Überlebenden zu spotten, ihr Schicksal mit den Füßen zu treten und den zahlreichen jüdischen Menschen, die im NS-Regime ihr Leben gelassen haben, ihre letzte Ehre zu nehmen. Das Überleben in dieser Zeit war ein Kunststück, so Frankenstein und noch heute plagen ihn täglich Albträume von seinen Erlebnissen. Ziel kann und darf es nicht sein, die NS-Zeit durch völlig unzureichende Vergleiche zu verharmlosen, sondern den Opfern dieses unmenschlichen Regimes zu gedenken – dies sind wir ihnen schuldig.