Was ich mal wieder gern möchte!

Paula Klaus

25. Mai 2024

Abreißen vom Kalender froh das Sonntagsblatt,
Die Firmenschilder lesen können in der Stadt,
Mal fahren wieder mit der Straßenbahn,
Den Schaffner fragen hören: „Wer kommt dran?“
Mit Schuhen ausgeh´n, die bei Sonne blinken,
Likör und Bier aus dünnen Gläsern trinken,
Auf der Speisekarte wählen wie ein Prasser,
Sehen können auf dem Boden eines Glases Wasser.
Bei rotem Licht gefühlvoll einen Tango tanzen,
Nie wieder mit dem Spaten Löcher schanzen.
Aus vollen Tellern mit Bestecken essen,
Bei einer schönen Frau die Zeit vergessen,
Mich freuen an ihren heißen Blicken,
In dunkler Nacht nach Haus´ sie bringen.
Die Koteletts nur so können mahlen,
Und näselnd rufen: „Ober, zahlen!“
Auf trockenen Straßen nach Hause geh´n,
Und nicht ausschließlich Dreck vor mir seh´n,
Um vier Uhr früh das Schlüsselloch nicht finden,
Ganz gemütlich den neuen Schlips losbinden,
Dann können an einem Schalter dreh´n
Und das elektrische Licht angeh´n seh´n,
Der Mutter wieder Pudding naschen,
Die Kinokarten laufend zieh´n aus den Taschen
Klosettpapier von einer Rolle zieh´n,
Ein frisches Nachthemd mal anzieh´n,
In einem weißen Bette pennen
Und unbesorgt die Stiefel auszieh´n können,
Nicht durch Läuse lauern gestört werden,
Nichts mehr sehen von Russlands Erden. –

Noch etwas möcht´ ich ganz besonders:
Auf dem Klavier wie ein Verrückter toben,
Von oben nach unten, von unten nach oben.
Dies möcht´ ich mal, man glaubt es kaum,
Doch leider ist´s zur Zeit ein Traum!


Und leider sollte es das für den Bruder meiner Uroma auch immer bleiben. Das Gedicht wurde im Februar 1942 zur Zeit des Russlandfeldzugs verfasst. An diesem Überfall waren drei Millionen Soldaten beteiligt. Das Ziel im Juni 1941 war, innerhalb von drei Monaten weitere Gebiete im Osten zu erobern, um „Lebensraum für die arische Rasse“ zu schaffen. Gleichzeitig sollte die sowjetische Bevölkerung vernichtet oder als Zwangsarbeiter versklavt werden. Doch sechs Monate später, eine halbe Million Menschen bereits bei Massenerschießungen gestorben, standen die deutschen Soldaten kurz vor Moskau. Der Winter bricht ein, worauf die Wehrmacht nicht vorbereitet war, und die Ausrüstung wird immer knapper. Spätestens mit der Schlacht um Stalingrad im November 1943 waren die deutschen Truppen besiegt.
Alois, der Bruder meiner Uroma, fiel bereits mit 19 Jahren im März 1942, also gerade mal einen Monat nachdem er das Gedicht schrieb, auf der Insel Krim. Meine Uroma berichtete über die Ankunft dieser Nachricht so: „Meine Eltern taten mir leid, da Alois doch ihr einziger Sohn war, ihre große Hoffnung. Aber es war Krieg! Wir mussten mit solchen Nachrichten rechnen.“
Sein Gedicht bewegt mich jedes Mal, wenn ich es lese, aufs Neue. Er zählt so viele Dinge auf, über die ich mir nie Gedanken machen muss. Vieles nehmen wir einfach so hin und erst wenn es einmal weg ist, vermissen wir es. Ich finde, Zeilen wie diese lassen uns ein wenig dankbarer auf unsere Situation blicken. Zeilen wie diese warnen uns ein wenig mehr davor, dass wir unsere Situation nie einfach so hinnehmen sollten.
Ich will hiermit nicht die Augen davor verschließen, dass die eigentlichen Opfer Juden, Roma und Sinti, Behinderte, Homosexuelle und so viele weitere waren. Die Deutschen als Täter zu sehen ist nicht falsch, denn es gab viel zu wenig Widerstand, um anderer Meinung zu sein. Antisemitische Vorstellungen waren weitverbreitet. Ich weiß, dass es möglich gewesen sein kann, dass Alois ein Nazi war. Es kann sein, dass er genauso Gräueltaten begangen hat, wie viele andere auch und das macht es auch nicht weniger schlimm. Allerdings will ich darauf aufmerksam machen, dass Krieg und Gewalt für keine der Beteiligten friedensbringend sind. Krieg kann niemals der Weg zu Frieden oder zu einem besseren Leben sein, egal, wie er ausgeht.
Alois war ein schlauer Mensch, davon hat meine Uroma mir immer viel erzählt. Er liebte das Klavierspielen, wie man aus dem Gedicht entnehmen kann. Er hätte ein besseres Leben führen können, stattdessen führte das Leben ihn in den Tod. Nie wieder konnte er vom Kalender das Sonntagsblatt abreißen, nie wieder konnte er das Klosettpapier von der Rolle ziehen, nie wieder konnte er in neuem Nachthemd in einem gemütlichen Bett schlafen.
Und nie wieder konnte er seine Lieblingsmelodie auf dem Klavier spielen.



Ein Beitrag von Paula Klaus

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