Am 10. Juli 2021 verstarb Esther Bejarano. Erinnerung an eine Zeitzeugin der Shoah und eine unermüdliche Stimme gegen den Faschismus.

„Ihr habt keine Schuld an dieser Zeit. Aber ihr macht euch schuldig, wenn ihr nichts über diese Zeit wissen wollt. Ihr müsst alles wissen, was damals geschah. Und warum es geschah.“

Schöner und prägnanter kann man kaum zusammenfassen, warum wir auch heute die Pflicht haben, an die Unmenschlichkeit unter dem NS-Regime zu erinnern. Nicht, weil wir Schuld daran haben, sondern weil wir dafür verantwortlich sind, dass es nie wieder geschieht. Dazu trug Bejarano unermüdlich bei – als Teil der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes – Bund der Antifaschistinnen und Antifaschisten, engagiert im Internationalen Auschwitz-Komitee, und nicht zuletzt immer wieder in der Begegnung mit Jugendlichen. Dabei ließ sie sich weder von ihrem Alter noch von der Pandemie aufhalten und traf sich noch im April dieses Jahrs per Video-Chat mit Schüler*innen der Stadtteilschule Bergedorf in Hamburg. Die Erinnerung wachhalten, das sei ihre Art, Rache an den Nazis zu nehmen.

Eines ihrer Mittel war dabei die Musik. Das NS-Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau überlebte sie, weil sie dort Teil des Mädchen-Orchesters sein konnte. Gesucht wurde eine Akkordeonspielerin, Bejarano meldete sich, obwohl sie das Instrument nicht beherrschte. Es ging irgendwie, folglich musste sie statt Steine schleppen Musik für die Mithäftlinge machen. Ihre Erfahrungen fasste sie später so zusammen: „Sie haben dich angeschaut, angelächelt, und wahrscheinlich gedacht: Wo Musik ist, da kann uns nichts Schlimmes widerfahren. Bis heute sehe ich diese Bilder der Menschenkolonnen vor mir, die in den Tod gingen.“

Jahrzehnte später machte Bejarano Musik gegen Nazis. Gemeinsam mit der Kölner Rap-Gruppe Microphone Mafia nahm Bejarano ab 2008 zahlreiche Songs auf, darunter auch Lieder der Arbeiterbewegung wie Bella Ciao. Mit weit über 80 Jahren spielte sie auch über 170 Konzerte mit der Band. Die Freude und Kraft, die sie auf die Bühne brachte, kann man nicht beschreiben. Zum Glück kann man sich aber einen kleinen Eindruck davon verschaffen, zum Beispiel in diesem Video aus der ZDF-Sendung Die Anstalt:

So lange zu singen, bis es keine Nazis mehr gibt, hat Esther Bejarano leider nicht geschafft.

Eine so große und starke Stimme können wir nicht ersetzen, aber wir können für sie weitersingen.

Quelle Titelbild: Oliver Wolters via Wikimedia

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