Vor wenigen Tagen jährte sich die Befreiung des größten Konzentrations- und Vernichtungslagers Auschwitz-Birkenau zum 77. Mal. Angesichts dieses bedeutungsschweren Datums, das einerseits positiv unseren Frieden, unsere Freiheit und Demokratie hervorhebt und andererseits die grausamen Erinnerungen an die Verbrechen des Zweiten Weltkrieges erinnert, will ich ein Geschichte erzählen.

Nach 77 könnte man die unangenehmen Dinge doch auch mal langsam vergessen, oder? Ist doch Gras über die Sache gewachsen. Wir sind froh damit, wie es heute ist, basta.

Falscher könnte es nicht sein. Gerade weil die Erinnerung langsam in die Ferne rückt, in der Vergangenheit zurückzubleiben scheint, ist es wichtig, dass wir die Erinnerung lebendig halten. Denn die Zeit tickt und je länger die Schrecken nun mehr in den Geschichtsbüchern stehen, desto weniger Menschen bleiben, die uns von ihren Erlebnissen damals berichten können.

Einer dieser Menschen ist Edeltrude Naumann, meine Großmutter. Immer und immer wieder schon seit meiner Kindheit erfahre ich stückchenweise von den Schrecken, die der Krieg in ihrer Kindheit und Jugend hinterlassen hat. Und weil es mich jedes Mal, jedes kleine Detail, bis ins Mark erschüttert, weil es durch meine Oma so lebendig für mich wird, möchte ich ein wenig davon teilen.

Meine Großmutter wurde im April 1933, also im Jahre Hitlers Machtergreifung, in Frătăuții Vechi (deutsch: Alt-Fratautz) in Bukowina, Rumänien, geboren. Die Familie, ursprünglich aus Deutschland stammend, jedoch seit ein paar Generationen in Rumänien ansässig, hatte sich einen gewissen Wohlstand erarbeitet. Mit Großeltern lebte die Familie Edinger mit zwei Töchtern, eine davon meine Oma, auf einem kleinen Bauernhof mit Hühnern, Schweinen, einem Rind, Acker und eigenem Kindermädchen. Ihr Vater war Müller, ihre Mutter gelernte Köchin, zwar in Bukowina geboren, jedoch Österreicherin. Denn die Bukowina ging 1919 nach dem ungarisch-rumänischen Krieg vom zerfallenen Kaiserreich Österreich-Ungarn an den neuen Vielvölkerstaat Großrumänien. Von interethnischen Problemen merkte meine Großmutter nichts, sie wuchs in einem frohen Umfeld deutsch- und rumänischsprachig zwischen anderen deutschstämmigen und rumänischen Familien auf.


Mit Ausbruch des Zweiten Weltkrieges wurde 1939 der Hitler-Stalin-Pakt geschlossen, der gegenseitige Angriffe von deutscher und sowjetischer Seite verhindern sollte. In dem Pakt bezeugte Deutschland sein Desinteresse an den Gebieten Bukowina und Bessarabien, es gab jedoch inoffizielle Vereinbarungen, dass diese Gebite an die UdSSR fallen und Deutsche Staatsbürger*innen auf freiwilliger Basis umgesiedelt werden sollten. Eine solche Umsiedlungsaktion mit gleichem Namen „Heim ins Reich“ gab es schon einmal im Zuge des Ersten Weltkrieges. So bekam mein Urgroßvater 1940 die Direktive von der nationalsozialistischen Regierung, mit seiner Familie Rumänien zu verlassen und nach Deutschland zu kommen. Etwa 1500 der 3000 Bewohner von Alt-Fratautz folgten als Deutschstämmige diesem Aufruf, nicht zuletzt aufgrund von materiellen Versprechungen und Angst vor dem Krieg.
Diese sogenannten „Volksdeutschen„, die aus ganz Osteuropa stammten, wurden, je nach „Qualität“ ihrer „Rasse“, also ihrer Abstammung nach, in drei Gruppen eingeteilt, die an verschiedener Stelle angesiedelt und unterschiedlich behandelt werden sollten. Der „besten“ Gruppe wurden enteignete Bauernhöfe in Polen zugesprochen, die „am wenigsten Wertvollen“ sollten nach Zwangsarbeit „eingedeutscht“ und in den „deutschen Volkskörper“ integriert werden.

Für meine Großmutter bedeutete diese Umsiedlung einen größeren Schicksalsschlag, als sie zunächst annehmen konnte. Kaum zwei Wochen nach ihrer Einschulung hieß es Koffer packen. Mit einem Leiterwagen wurde die Familie mit spärlichem Gepäck zu einem Bahnhof transportiert, von wo aus die Weiterreise erfolgen sollte. Vor allem die kleine Schwester meine Großmutter, zu dem Zeitpunkt erst fünf Jahre alt, litt extrem unter der Emigration. Denn sie ließen nicht nur ihr Zuhause hinter sich, sondern auch das Kindermädchen Cassandra, das Jahre mit ihnen zugebracht hatte. Das gerade einmal 18jährige Mädchen, eine Rumänin mit einer Sehbehinderung, weinte mit meiner Großtante um die Wette und bettelte, mitkommen zu dürfen. Sie wollte sogar zum Protestantismus konvertieren und ihren Namen ändern, aber meiner Urgroßmutter wurde abgeraten. „Ihr wisst nicht, was die Deutschen mit ihr machen, wenn das raus kommt“, wurde gemunkelt.

Da noch tausende weitere Menschen umgesiedelt werden sollten, war das Gepäck, das mitgenommen werden konnte, spärlich. Fast all ihren Besitz musste Familie Edinger zurücklassen.
Nach zwei Tagen und zwei Nächten im Zug erreichten sie Bayern, wo sie einen fünfmonatigen Aufenthalt in einem Zwischenlager verbrachten. „Da war alles noch gut“, sagt meine Oma. „Es gab reichlich zu Essen und Nektarinen zum Nachtisch für uns Kinder.“ Auch die nächste Station in Weiden in der Oberpfalz, erneut circa fünf bis sechs Monate lang, stellte kein Problem dar.
Danach kam die Familie nach Kalisch in Polen, wo sie angesiedelt werden sollten. Oskar, mein Urgroßvater, sollte eine Mühle und einen Bauernhof erhalten. Doch seine Frau Karoline weigerte sich, zu bleiben. „Sie hat ihn gewarnt. Hat gesagt: ‚Oskar, ich will hier nicht bleiben. Die Polen hassen uns. Wir sind Verräter in deren Augen. Die bringen uns noch um!‘ Und es gab wirklich Schauermärchen über Polen, die andere Deutsche gemeuchelt hätten“, erzählt Oma. „14 Monate waren wir in Polen. Polen war schlimm. Es war kalt und wir hatten nicht genug zu essen. Wir haben mit 46 Leuten in einem Raum geschlafen, auf Stroh in Stockbetten. Meine Mutter, Hilde, ich, mein Vater. Und pausenlos mussten wir das Lager wechseln, weil alles voller Wanzen war, die ausgeräuchert werden mussten.“ Der Blick meiner Oma zeigt, wie unangenehm diese Erinnerungen für sie sind. „Und andauernd war Fliegeralarm. Mitten in der Nacht. Immer stand das kleine Köfferchen bereit und wir haben uns im Dunkeln angezogen. Es waren ja so viele Menschen in dem Raum. Und dann immer Stunden im Bunker und gewartet, bis wir wieder raus durften. Da hatte ich schon Angst.“
Auch habe sie miterlebt, so erzählt sie mir, wie in dem vollgestopften Zimmer Zwillinge zur Welt kamen. „Die Frau hat einfach in der Ecke gesessen und ihre Kinder bekommen. Adolf und Herbert. Sie wollten einen unbedingt nach Hitler benennen…“ Sie schüttelt nur den Kopf.

Nach einem sehr langen Aufenthalt wurde die Familie Edinger, weil sie nicht in Polen hatten bleiben wollen, in ein Straflager nach Baden-Baden im Schwarzwald strafversetzt.
„Im Schwarzwald war es auch ganz schlimm.“ Ich sehe meine Oma selten so traurig. „Wir hatten so Hunger. Es gab einfach nichts. Wie in Polen. Anfangs, als der Krieg gut gelaufen ist, war auch Essen da. Aber irgendwann war einfach nichts mehr da. Ich habe geweint vor Hunger.“ Ich muss schlucken.

„Wir haben schwarze Kartoffeln bekommen, oder wenn es gut lief, die Kartoffelschalen. Und was wir nicht aßen, bekamen wir am nächsten Tag als Suppe vom Koch vorgesetzt. Das konnte man nicht essen, und wir waren wirklich nicht wählerisch.
Einmal hat der Bruder meines Vaters sich beim Koch beschwert, hat ihn angeschrien: ‚Die Kinder und Frauen brauchen was zu essen, wir verhungern hier! Und was da ist, ist verfault, das können wir nicht essen!‘ Und der Koch hat erwidert: ‚Du bist besser ganz schnell leise, sonst kommst du ins KZ.‘ Das habe ich als Kind so aufgeschnappt und mir gemerkt, aber begriffen habe ich es erst viel später, als der Krieg vorbei war.“ Der Hunger sei so schlimm gewesen, erzählt meine Oma, dass sie und ihre kleine Schwester auf Nahrungssuche gingen. „Es war Winter und bitterkalt. Hilde und ich sind in den Wald gegangen, alleine. Wir haben erst den Schnee vom Boden gewischt, dann die Schicht Blätter und haben darunter nach trockenen Esskastanien gesucht. Stell dir vor, zwei kleine Kinder, alleine im Wald, wie groß da der Hunger gewesen sein musste. Und Hilde hat dabei noch einen Handschuh verloren, das war ein richtiges Drama damals.“

Die vorläufig letzte Station sollte dann Lothringen sein, wo sie die Zeit bis zum Ende des Krieges verbrachten. Auch hier hätten sei ein Haus bekommen und bleiben können, aber: „Dann war der Krieg zu Ende und wir hatten Angst, dass wir vertrieben werden würden, wenn die Franzosen wiederkommen. Die mochten uns auch nicht, kann ich aber verstehen. Es war ja ihre Heimat. Dann sind wir ins Saarland gefahren, von einem Dorf zum anderen, aber überall waren schon Leute aus unserem Dorf. Erst in Marpingen konnten wir bleiben. Dort mussten wir bleiben. Eins der Pferde hat gelahmt und unserem Wagen ist die Bremse gebrochen. Wir wussten nur nicht, dass es so viele Kinder in Marpingen gab und so hatten wir dort wieder Hunger. Ich erinnere mich noch, als ich gesehen habe, wie eine Frau Äpfel geschält hat. Ich bin schnell nach Hause gelaufen und habe gefragt: ‚Mama, kannst du was aus Apfelschalen machen?‘ und die Mama hat zu mir und Hilde gesagt: ‚Ja, wenn ihr beide mir helft!‘ Dann bin ich zu der Frau, die hat mir die Schalen und Kerngehäuse überlassen und nach ewigem Sortieren haben wir so eine Art Kompott daraus gekocht. Wir hatten ja nichts. Man musste sich ja selbst helfen. Oh Gott, wir sind bis nach Tholey über die Felder gelaufen, um Äpfel zu sammeln. Dabei wurden wir erwischt und es wurde uns verboten, Fallobst zu sammeln! Das hat doch gegammelt!“ Oma schüttelt wieder den Kopf.

Meine Frage, ob sie als so junges Kind etwas vom Holocaust mitbekommen hätte, verneint sie. „Erst, als wir in Marpingen waren, haben wir Flugblätter gefunden, in denen über den Mord an den Juden berichtet wurde. Vorher wusste ich nichts, habe als Kind einfach nicht alles verstanden. Als der Koch von dem KZ gesprochen hat, habe ich mir das irgendwie gemerkt, aber anfangen konnte ich damit erst später etwas.“

Auch wenn meine Großmutter noch klein und als „Volksdeutsche“ ja nicht Zielscheibe der Gräueltaten des Nationalsozialismus war, gehört sie zu den Leidtragenden des schrecklichen Krieges. „Ich denke noch oft an die Zeit zurück, es war wirklich nicht schön“, verrät sie mir noch. Und selbst wenn sie heute mit klarer Stimme von ihren Erlebnissen erzählt und betont, dass sie alles gut weggesteckt habe, spüre ich, dass es in ihr drin mehr Spuren hinterlassen hat, als sie zugibt. Sicherlich ist die Kindheit meiner Oma beiweitem nicht vergleichbar mit der eines jüdischen Kindes in einem Konzentrationslager, aber darum geht es auch nicht.

Es geht darum, dass sie im Sinne der Nationalsozialisten als „hochwertige Volksdeutsche“ vom dem „Befreiungskrieg“ hätte profitieren sollen; das durch Lügen legitimierte Dritte Reich hat seine vermeintlichen „Schützlinge“ aber schonungslos dem Krieg, den Strapazen einer jahrelangen Flucht, Hunger, Krankheit und Hoffnungslosigkeit ausgesetzt. Was ist das für ein Regime, das nicht einmal für seine angeblich so geschätzten Bürger*innen sorgt?

Richtig, ein menschenverachtendes Regime, von dem nur noch in der Vergangenheitsform gesprochen wird und dessen Ideologien in der Wand der Schande der Geschichte verrotten sollen.

Und damit nicht davon gesprochen wird, dass „nicht alles schlecht war, Hitler hat ja auch die Autobahn gebaut“, wollte ich Omas Geschichte erzählen, die Geschichte einer Bukowinadeutschen, die ihre Kindheit, ihre Bildung und ihre Unbeschwertheit im Krieg verloren hat.

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Kategorien: Text

Charlotte Kalmes

Schülerin der 12. Klasse am GSG mit einer Schwäche für Literatur, Geschichte, Politik, Katzen und Sport. Engagiert, mit überzeugenden Projekten zumindest ein klitzekleines Bisschen zu bewegen. :)