Dieses Jahr, 2022, steht wieder einmal eine Fußballweltmeisterschaft an, die Eishockey WM ist wie jedes Jahr im Mai in vollem Gange, während Tennisspieler*innen aller Nationen das ganze Jahr über auf Turnieren vertreten sind und viele weitere Sportevents auf internationaler Ebene ebenfalls jährlich über den Globus verteilt stattfinden.

Vor allem jedoch, wenn es um Fußball geht, sitzt alle vier Jahre halb Europa und um zwei Jahre versetzt alle vier Jahre die halbe Welt vor dem Fernseher oder dem Radio, dem Smartphone oder Computer, um die Europa-/Weltmeisterschaft zu verfolgen.

Aber wie kommt es eigentlich dazu, dass plötzlich Menschen einen Sport verfolgen, der sie ansonsten gar nicht interessiert? Dass Nationalflaggen die Gärten und Straßen zieren, Menschen in Trikots und mit nationalen Farben geschminkt durch die Straßen ziehen und zahlreich für die Nationalmannschaft gejubelt wird?

Und eine vielleicht noch wichtigere Frage, die sich gerade in Deutschland häufig gestellt wird: Ist es überhaupt in Ordnung sein Land, seine Nation, beziehungsweise Vertreter wie Nationalmannschaften und -spieler*innen zu lieben und stolz darauf zu sein? Ist man dadurch Patriot*in oder eventuell sogar Nationalist?

Viele Fragen und viele Begrifflichkeiten, die zwar bekannt, aber dennoch selten klar definiert in den Köpfen der Menschen existieren, deshalb erst einmal eine Auseinandersetzungen mit den Begriffen Nation, Patriotismus und Nationalismus:

Wie so viele Ausdrücke kommen auch diese drei aus dem Lateinischen bzw. Griechischen, Nation von lateinisch natio, was soviel bedeutet wie „Volk“, „Herkunft“ oder „Geburtsgemeinschaft“ beschreibt eine ethnische Zugehörigkeit/Verbundenheit zu einer Gruppe durch gemeinsame Merkmale wie zum Beispiel Sprache, Kultur, Geschichte (laut Bundeszentrale für politische Bildung). Auch Nationalismus entspringt erkennbar dem gleichen Ursprung und wird als ideologische „Identifizierung und Solidarisierung“ mit der Nation und deren Mitgliedern (laut Wikipedia), sowie als „übersteigertes Nationalbewusstsein“ (laut Duden) definiert. Das Wort Patriotismus stammt vom griechischen pater (Vater) beziehungsweise patriotes, was etwa eine Gruppe bezeichnet, die dem gleichen Stamm oder Geschlecht angehört, Patriotismus ist also eine „emotionale Verbundenheit“ oder Liebe zum Vaterland oder auch „Vaterlandsliebe“ (laut Wikipedia).

Da auch diese Definitionen nicht ganz eindeutig abgrenzbar sind, bleiben stets Spielräume für Reflexion und Fragen, so zum Beispiel an Politiker, wie Angela Merkel (ehemalige dt. Bundeskanzlerin), Emmanuel Macron (franz. Präsident) und Theresa May (ehemalige brit. Premierministerin). Alle drei kamen auf ähnliche Ansätze: Der Patriotismus gilt allgemein als positiver konnotiert und zeichnet sich durch ein Bestreben zur Verbesserung des Wohls der Zugehörigkeitsgruppe (hier: Nation) unter Einbezug anderer Gruppen, Nationen und Völker aus, während Nationalismus negativ konnotiert für eine Fokus auf die Größe und Stärke des eigenen Volkes, der eigenen Nation unter Ausschluss und Abgrenzung anderer steht. (Quelle)

SPD-Politiker und ehemaliger Bundespräsident Johannes Rau sagte dazu Folgendes: „Ein Patriot ist jemand, der sein Vaterland liebt und ein Nationalist ist jemand, der die Vaterländer der anderen verachtet.“ (Quelle)

Heißt das automatisch, dass Patriotismus in Ordnung oder sogar gut ist?

Um auf eine abschließende Bewertung und ein Fazit zu kommen, ist es nicht unerheblich die Geschichte des Patriotismus zu betrachten.

Der Patriotismus hat seine Ursprünge etwa im 18. Jahrhundert als Bewegung der Aufklärung durch Gelehrte, Geistliche, Schriftsteller und weitere, die mit dem Ziel handelten, ihrem Umkreis, der Dorf-/Stadtgemeinschaft, dem verbundenen Volk, Bildung und Wissen zur Verfügung zu stellen, um somit für eine „Verbesserung des Gemeinwohls“ der Mitbürger zu sorgen. Diese ursprünglich sehr positiven und eher lokalen Absichten änderten sich und weiteten sich gegen Ende des 18. Jahrhunderts und Anfang des 19. Jahrhunderts zu Zeiten der Französischen Revolution, der Napoleonischen Kriege und des Wiener Kongresses aus und wurden als gesteigertes Nationalgefühl und Wunsch nach einer vereinten, starken Nation zunehmend aggressiver. Das anfängliche Sehnen nach einem Nationalstaat, verbunden in Einigkeit, Recht und Freiheit unter einer Verfassung, schlug unter anderem mit dem aufkommenden Imperialismus um in ein Gefühl der nationalen Überlegenheit des eigenen Volkes gegenüber anderer Volksgruppen, einhergehend mit Gebiets- und Ressourcenansprüchen um, die auch und vor allem kriegerisch und gewaltsam umgesetzt wurden, ob in den Kolonien oder Nachbarländern. Ein Zeichen dafür, dass das Zusammenrücken einer Gruppe häufig zur Abgrenzung und Exklusion anderer führt.

So viel zur Geschichte des Patriotismus, nun zurück zur Frage, ob es in Ordnung sei, stolz auf sein „Vaterland“ zu sein, wofür auch eine Betrachtung des Stolzes an sich von Nöten ist.

Stolz ist eine wahrscheinlich angehörige Emotion, die sich auf eigene Leistungen und Merkmale/Fähigkeiten beziehungsweise die anderer bezieht und sich in einem deutlichen Wohlgefühl äußert.

Diese Emotion ist deshalb vermutlich angeboren, da sie für den Menschen als zoon politikon für die individuelle Einbringung und den Zusammenhalt in sozialen Gruppen und Gemeinschaften von nennenswerter Bedeutung ist. Es ist zwar keine Leistung an einem bestimmten Ort, in einem bestimmten Staat geboren zu sein, dennoch ist es nur natürlich, dass der Mensch Identifizierungsgruppen und ein Gefühl von Zusammengehörigkeit sucht und dabei der Stolz auf die Teilhabe an einem größeren Ganzen erweitert wird. Dies gilt vor allem dann, wenn man seine bürgerlichen Rechte und Beteiligungsmöglichkeiten zum Beispiel in einer Demokratie in Form von Wahlen ausübt und dadurch den Staat mitgestaltet. (Quelle)

„Frage nicht, was dein Land für dich tun kann, sondern, was du für dein Land tun kannst.“ – John F. Kennedy (Quelle)

Damit komme ich jetzt (endlich) zu meinem Fazit, welches wie folgt lautet:

Es ist in Ordnung sich einem Staat zugehörig zu fühlen, Nationalmannschaften anzufeuern und auch stolz zu sein auf nationale Errungenschaften in Politik, Wissenschaft, Kultur, Sport oder ähnlichem. Es ist auch natürlich für Menschen, sich ein Stück weit über die Staatsangehörigkeit zu identifizieren und definieren, da diese unsere Sprache, unsere Gewohnheiten, unser Denken und unsere Werte und somit uns selbst maßgeblich prägt oder zumindest prägen kann. Diese Form des Patriotismus, quasi natürlicher „Patriotismus lite“, ist nicht nur in Ordnung, sondern vielleicht unabdingbar für einen funktionierenden Staatskörper und damit eine funktionierende administrative Unterteilung der Völker, somit eventuell also sogar als gesund zu bezeichnen.

Was indiskutabel nicht in Ordnung ist, ist die Exklusion anderer Gruppen und Individuen, ein aggressives Konkurrenzdenken gegenüber Menschen oder Staaten anderer und auch ähnlicher Ethnien gerichtet und damit verbundener Hass gegen andere Kulturen, Menschen oder Staaten (dies gilt für Religion ebenso wie für Nationen), denn das bedeutete eine absolut inakzeptable Überschreitung des oftmals feinen Grats zwischen Patriotismus und Nationalismus.

Somit mein Appell, vielleicht einfach mal bei der diesjährigen Fußballweltmeisterschaft oder einem beliebigen anderen Event nationaler oder internationaler Bedeutung innehalten und die eigenen Ansichten hinterfragen.

Nicht vergessen, dass die Gesellschaft ein dynamisches Konstrukt einem steten Wandel unterzogen ist und Menschen sich anderen Kulturen, anderen Staaten und Gruppen anschließen können, dies auch schon immer taten und als gleichwertige Individuen inkludiert werden sollten.

Außerdem sollte man zwar den individuellen eigenen Wert nicht unterschätzen, was dazu führen kann, dass ein übersteigertes „Rudelverhalten“ und eine zu starke Definition über eine ganz bestimmte Gruppe und wiederum eine Abgrenzung zu anderen erfolgt, aber genauso wenig sollte man vergessen, dass wer Teil eines Ganzen sein will und auch berechtigt stolz sein möchte einen Beitrag leisten sollte und sich konstruktiv einbringen sollte, zum Beispiel nach dem Motto der Agenda 21  der UN „Global denken – lokal handeln“.

Trotz allem gilt Patriotismus unter Sozialwissenschaftlern und Psychologen heut zu Tage als potentieller gefährlicher Grundstein für rechtes und nationalistisches Denken, weshalb stets Vorsicht geboten ist und es einer fein differenzierten Betrachtung einzelner Fälle bedarf. 

Um meine Ausführung mit einem Zitat zur Überschrift passend zu enden: „Gesunder Patriotismus klingt für mich ein bisschen wie gutartiger Tumor, es ist vielleicht nicht direkt lebensgefährlich, aber es ist immer noch ein Tumor.“ (Das Känguru)

Abschließend wünsche ich allen Fußball-Fans und Gelegenheits-Fußball-Fans eine schöne Zeit mit der Fußball WM, dass diese im November in Katar stattfindet, sei eine andere diskussionswürdige Frage.

Quelle Titelbild: Times. Berlin-Fanmeile am Finaltag. Creative Commons BY-SA 3.0 via Wikimedia

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