An dem Spiegel im Flur meiner Oma habe ich mich selber heranwachen sehen. Ich sehe mich auch bei ihr an der Eckbank sitzen etwas am Basteln, während sie am Zeitunglesen ist. Oder wenn ich mit ihr in den nahe gelegten Supermarkt einkaufen gegangen bin und ich ihr Ziehwägelchen ziehen durfte. Auch erinnere ich mich an das Würfelspiel von Bärenmarke, was sie irgendwann mal in den Siebzigern irgendwo gewonnen hat und wir das stundenlang gespielt haben. Was ich damit sagen will ist, dass ich sehr positive Erinnerungen an meine Oma habe.

Allerdings habe ich meine Oma nie als Person kennengelernt, sondern nur in der Rolle der Großmutter, die quasi schon immer so alt war. Deshalb habe ich mich bei ihr nach ihrem Leben und vor allem nach ihrer Kindheit erkundigt und möchte meine „Erfahrungen“ hier mit Ihnen, liebe Leser:Innen, teilen.

Meine Oma ist 1935 geboren und ist in Deschnau, einem kleinen Dorf im Sudetenland (heute Tschechien), aufgewachsen. Sie ist 1941 eingeschult worden und musste mit dem Ende des Krieges und der Deportation nach Deutschland die Schule verlassen. Gut verlassen ist ein wenig untertrieben, da russische Soldaten in das Dorf eingefallen sind und der Zivilbevölkerung die Machtverhältnisse klargemacht haben, indem sie zum Beispiel die Leichen von deutschen Soldaten auf dem Dorfplatz präsentiert haben und die Bürger drum herum geführt haben, egal wie alt sie waren. Aber mehr zu der Situation nach dem Krieg im nächsten Teil.

Wie es früher üblich war, lebte meine Oma in einem Haushalt, der sich selbst um den meisten Teil der Ernährung gekümmert hat. Sie hatten Gänse, Ziegen und Schweine, betrieben Ackerbau, demnach bestand ein großer Teil der Kindheit meiner Oma daraus, dabei zu helfen. Sie hatte zwei ältere Brüder, Emmerich der Große, ist im Krieg gefallen und der jüngere Stefan war noch zu jung, um Soldat zu werden. Da ihr Vater relativ alt war, musste er nicht in den Krieg ziehen und hat daher weiter als Schreiner gearbeitet. Als das aber nicht mehr möglich war, da das Geld knapp wurde und keine Aufträge mehr kamen, ist er zu einer benachbarten tschechischen Hutfabrik arbeiten gegangen. Ihre Mutter hat neben dem Haushalt einige Näharbeiten vorbereitet, die sie in einem regelmäßigen Zeitraum in die Stadt zum Verkaufen gebracht hat. Ihr Opa lebte neben ihnen in einer kleinen Hütte und jedes Mal, wenn sie bei ihm vorbeigekommen ist, hat sie von ihm einen Zuckerwürfel bekommen. Aus heutiger Sicht vielleicht nicht viel, aber wenn man bedenkt, dass das Hauptnahrungsmittel Kartoffeln waren, ist es doch eine große Geste.

Auch in der Nachbarschaft gab es eine gute Gemeinschaft. Sie telefoniert noch heute mit einer Freundin, die sie aus der Schule kennt. Mit ihr und ihrem Bruder ist sie öfters ins Kino im Nachbarort gegangen. Sie sagt, dass ihre Kindheit bis zu ihrem zehnten Lebensjahr sehr ruhig und schön war. Allerdings gab es einen Part, den sie nie mochte; ihren Geburtstag. Denn meine Oma teilte sich den Geburtstag mit Adolf Hitler. Sie erzählt von den langweiligen Zeremonien und dem Arm, der danach immer so schlapp war. Auch wenn es sich geschrieben nicht so „lustig“ anhört, müssen Sie es sich mit der heiteren Stimme einer alten Frau vorstellen. Sie hat zwar ihr Lieblingsessen gekocht bekommen, allerdings musste sich die Aufmerksamkeit der ganzten Bevölkerung natürlich den ganzen Tag nur um den Führer drehen. Die Betonung liegt auf musste. Das war eine kleine Vorstellung meiner Oma Hilde. Im nächsten Teil möchte ich darüber schreiben, wie sich ihr Leben mit dem Kriegsende verändert hat.

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