Eine Fortsetzung zum Kommentar „Ich fühle mich wie Sophie Scholl“.

Auch wenn die Lage der Pandemie aktuell glücklicherweise abschwillt und wir in die nasse Sommerluft erleichtert aufatmen, ein wenig mehr unserer Grundrechte zurückbekommen zu haben, wir uns in dem Glück über geöffnete Lokale und Freibäder und dem Urlaub an der Nordsee wänzeln. Auch wenn man jeden Tag an der Freude anderer teilhaben darf, die einen Impftermin im Kalender notiert haben – so ist die Krise der Demokratie nicht überwunden.

Besonders im Bezug auf das gerade noch als Illustration verwendete Impfen – genauer gesagt die ImpfgegnerInnen – lassen die Widrigkeiten mit meinem Demokratieverständnis und meiner Achtung vor der Vergangenheit nicht nach.
Mein Punkt ist es nun nicht, die Vorteile einer Impfung glatt darzustellen, mir geht es um den Umgang der Impfverweigerer mit dem Umstand ihrer Entscheidung gegen den Pieks.
Sich einfach nicht impfen zu lassen, weil man nicht will, es einem Angst macht – egal aus welchem Grund – und dies für sich zu behalten, ist scheinbar ein Unding.
Laut muss man es herausposaunen, im Doppelpack mit Stapeln an Pamphleten, gefüllt mit Propaganda und Polemik, die nicht nur diejenigen diffamieren, die als Vertreter des Volkes, demokratisch gewählt, sich in dieser schweren Zeit dazu bereit erklärt haben, die Verantwortung zu übernehmen, nein.
Weil man es auf YouTube gesehen, auf Twitter oder noch besser Telegram gelesen, auf Demos gehört hat, beginnt man nicht nur die Vertreter, sondern den ganzen Staatsapparat dem unrechten Diebstal unserer Grundrechte und der Gefährdung der Demokratie zu bezichtigen, ihn gar mit der kommunistischen Diktatur der DDR gleichsetzen!

Natürlich ist Sorge einigermaßen begründet, wurde zeitweise das Parlament nur rückwirkend miteinbezogen. Ich bin die Letzte, die vom kritischen Hinterfragen abhält.
Nun muss man sich aber ins Gedächtnis rufen, in welch einer Situation wir stecken – und wir stecken alle in der gleichen Situation, im selben Boot.

PolitikerInnen sind Menschen. Menschen, die sich dazu bereiterklärt haben, uns zu vertreten und zu entscheiden. Das nennt man repräsentative Demokratie, eine Säule unseres Staates und im Grundgesetz festgeschrieben.
Es sind keine bösen Rachegötter, die uns alles Schlechte wollen, wie in den amerikanischen Actionthrillern, in denen die Protagonisten die Weltverschwörung aufdecken – was aber das Bild vieler Menschen zu sein scheint.
Im Umkehrschluss sind es aber auch nur Menschen, die Fehler machen, manche aus der Sicht des Einzelnen besser und schlechter handeln.

Es ist nicht alles gut gelaufen im Management der Pandemie – aber hätten Sie es besser gemacht? Wenn ja, bitte: Jede und jeder ist frei, sich aufzustellen und wählen zu lassen. In der nächsten Pandemie tragen Sie die Verantwortung und lassen sich von Menschen mit Deutschland- und sogar Reichsflaggen und Aluhüten beschimpfen, verunglimpfen, bedrohen.
Dann ist es an Ihnen, abzuwägen, was wichtiger ist: das Recht auf persönliche Freiheit oder körperliche Unversehrtheit?
Ist es wichtiger, dass ich frei entscheiden darf, eine Maske zu tragen oder dass ich die Gesundheit anderer gefährde?

Gute Argumente gibt es jedenfalls für beide Seiten, handelt es sich doch um starke, gleichwertige Grundrechte.
Im Endeffekt kann aber deutlich aufgezeigt werden, dass die persönliche Freiheit, als deren BeschützerInnen die QuerdenkerInnen sich sehen, nur bis dahin reicht, wo die Nase – und damit die körperliche Unversehrtheit – des anderen endet. Weniger abstrakt: Man selbst darf sich durch eine Ablehnung der Impfung einem erhöhten Risiko, an Covid zu erkranken und womöglich zu versterben, aussetzen, solange man andere trotzdem schützt, weil sie das Risiko eben nicht eingehen wollen, indem man die AHA (Abstand-Händewaschen-Alltagsmasken) Regel beachtet.

Den Konflikt zwischen diesen beiden gleichwertigen Grundrechten – immerhin stehen sie im selben Paragraphen – scheinen die Aluhut-TrägerInnen jedoch nicht so recht durchschaut zu haben, anders kann ich mir ihre Paroli nicht erklären.
Denn: grundsätzlich wird eine Abschaffung der Grundrechte, erkennbar an den Coronamaßnahmen, erkannt und angeprangert. Während diese selbsternannten GrundrechtsritterInnen aber für ihre bedrohte persönliche Freiheit demonstrieren, treten sie den zweiten Absatz des gleichen Paragraphen mit Füßen. Indem sie entgegen der rechtkräftigen Urteile der Gerichte und entgegen der Coronamaßnahmen in Superspreader-Events demonstrieren, damit das Recht auf persönliche Unversehrtheit tangieren.

Ziemlich paradox, oder?

Genau so verhält es sich aber mit ihrem Demokratierverständnis per se, da sie wie schon zum Ausdruck gebracht die Politik dafür denunzieren, ihren Zweck zu erfüllen, als gewählte VertreterInnen Entscheidungen zu treffen.

Sich dann mit den stärksten, mutigsten KämpferInnen für Gerechtigkeit und Frieden, wie zum Beispiel Sophie Scholl zu vergleichen, während man mit Rechtsextremisten gemeinsam demonstriert, schießt den Vogel ab.
Denn unsere Grundrechte und die Demokratie sind alles andere als selbstverständlich. Sie sind hart erkämpft und gelten als schützende Abwehr gegen die Schrecken der Vergangenheit, seien es die Monarchie und der Erste, die nationalsozialistische Diktatur und der Zweite Weltkrieg oder die kommunistische Diktatur, die Teilung Deutschlands und der Kalte Krieg. Die Demokratie ist auf Schweiß, Blut, Tränen und den Trümmern der Ungerechtigkeit erbaut und verdient Würde und Anerkennung.

Für Frieden, Freiheit, Gerechtigkeit und Demokratie einzustehen ist essentiell – dabei sollte man aber darauf achten, vor lauter eigener Überzeugung nicht vollkommen gegen das zu arbeiten, was man angeblich vertreten möchte.

Und sind wir ehrlich: schränkt ein Mundschutz wirklich so sehr ein, dass es Leben wert ist?

Quelle Titelbild: Berthold Werner. CC BY-SA 3.0 via Wikimedia

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Charlotte Kalmes

Schülerin der 11. Klasse am GSG mit einer Schwäche für Literatur, Geschichte, Politik, Katzen und Sport. Engagiert, mit überzeugenden Projekten zumindest ein klitzekleines Bisschen zu bewegen. :)